Braunsdorf im Zschopautal

... ein Ortsteil der Gemeinde Niederwiesa stellt sich vor 

Das ehemalige Braunsdorfer Mehrzweckgebäude

Die Geschichte eines Dienstleistungszentrums

Man kann sagen, kaum ein anderes Gebäude Braunsdorfs spiegelt die jüngere Geschichte des Ortes eindrucksvoller wieder, als das dieser Tage abgebrochene Mehrzweckgebäude in der Harrasallee 7. Es weiß von der Braunsdorfer Eisenbahngeschichte ebenso zu berichten wie von der Situation nach 1945, dem Leben in der DDR und auch den Veränderungen, gleich ob positiv oder negativ zu bewerten, nach der Politischen Wende 1989/90. Viele Jahre lang war es der eigentliche Dreh- und Angelpunkt des Ortes, waren hier ja die Gemeindeverwaltung, die Post und der „Konsum“ untergebracht.

Auf dem Flurstück 105 h, postalisch die Harrasallee 7, errichtete die Reichsbahn im Sommer 1944 eine „Reeselith-Baracke“ und einen Kohlen- und Holz-Schuppen. Für eine solche Investition brauchte es die explizite Genehmigung des Reichsstatthalters in Sachsen, der diese am 11. August 1944 erteilte. Die 32,5 Meter lange und 12,5 Meter breite Baracke verfügte am bahnseitig gelegenen Eingang links über einen Waschraum und rechts über eine Männertoilette. Insgesamt waren 14 weitere Räume vorgesehen. Das auf bahneigenem Grund errichtete Gebäude war somit mit ziemlicher Sicherheit als Unterkunft für Bahnarbeiter vorgesehen, welche Pläne die Reichsbahn auch immer gegen Ende des Krieges noch hatte.

Geradezu prädestiniert war die Baracke sodann für ihre erste Bestimmung – nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges konnten sofort Flüchtlinge die Zimmer beziehen. Noch in den 1960er Jahren ist auf Fotografien erkennbar, dass auf dem Grundstück intensiv Gartenbau betrieben wurde. Nachdem sich die Flüchtlingslage zunehmend entspannte und den Vertriebenen neuer Wohnraum zugewiesen werden konnte, habe sich dort etwa Anfang der 1950er Jahre auch eine Verkaufsstelle für Textilien befunden. Später auch eine Wäscheannahme, Bücherei und ein Friseursalon (erwähnt sei etwa Elsa Münch). Letzterer habe spätestens 1970 geschlossen. Spätestens 1980[1] erhielt Braunsdorf im vorderen Teil eine Konsum-Kaufhalle und damit eine moderne Einkaufsmöglichkeit im Ort. Betreut wurden die Kunden in Braunsdorf von Frau Walther, Frau Freund, Frau Schulz, Frau Bergelt und Lehrling Manuela Wolf. Nachfolgend waren bis zum Ende der Deutschen Demokratischen Republik die Post, Konsum-Verkaufsstelle, das Büro des Abschnittbevollmächtigten und der Rat der Gemeinde untergebracht. In der Wendezeit wurde die Freifläche mit rotem Betonpflaster gestaltet, was zum Aphorismus führte, dass Braunsdorf nun doch noch einen „Roten Platz“ erhielt.

Nach dem Auszug des Rates der Gemeinde 1990 und der Post 1991/1992 eröffnete die vormalige Betriebsärztin Dr. Karla Uhlig am 2. April 1991 ihre Praxis und die Zweigstelle Braunsdorf der Kreissparkasse Flöha folgte am 30. Mai 1991 in das Zimmer des ehemaligen ABV. Als der Konsum seine Pforten schloss, übernahm Familie Ramm aus Niederwiesa die Räume für ihr Einkaufszentrum, dies war wohl auch im Mai 1991. Nach dem Aus der Familie Ramm übernahm die Braunsdorferin Annelie Wiedrich, die schon seit Jahren in Augustusburg einen Spar-Markt betrieb. Die Versorgung der Braunsdorfer Einwohner war somit bis 2004 durch den Spar-Markt gesichert. Sogar einen Backautomat nannte der kleine Laden ab November 1999 sein Eigen. Seit 2004 sind ältere Braunsdorfer auf fremde Hilfe beim Einkauf angewiesen, da Lebensmittel nur noch außerorts eingekauft werden können. Nach dem Auszug der Sparkasse im Jahr 2000 fand in jenem Raum das Büro des Braunsdorfer Ortsvorstehers Platz. Im mittleren Teil gestalteten sich die Vereine ein Vereinsdomizil, so nutzten unter anderem die Blasmusik, die Freiwillige Feuerwehr und der Carnevalsclub diesen Raum, und auch als Wahllokal öffnete die Baracke ihre Pforten. Zum 31. Dezember 2016 schloss Frau Dr. Uhlig ihre Praxis und der Ortsvorsteher war auch schon, wie auch das Wahllokal, in den Kindergarten an der Dorfstraße umgezogen. Das Gebäude stand nun nahezu leer. Nach über 70 Jahren war es nicht mehr zeitgemäß, stark sanierungsbedürftig und eine Nachnutzung nicht in Sicht. Nun soll das Areal nachhaltig weitergenutzt werden, indem zwei Mehrgenerationenhäuser mit zusammen 16 Wohnungen entstehen sollen. Vorbote war der nun erfolgte Abriss der Baracke, der ein Kapitel Braunsdorfer Ortsgeschichte zunächst abschließt.

Wer noch Fotos und Informationen rund um das Mehrzweckgebäude hat, sei gebeten, diese mit den Ortschronisten zu teilen!

 

Heiko Lorenz
Arbeitsgruppe Ortsgeschichte

[1] Ein einziges Foto des Festumzuges 1980 zeigt bereits das Schild an der Gebäudefront und der Gemüsestand ist zu erkennen